Kooperatives Schreiben – eine grundlegende Fähigkeit

Schreiben ist – vor allem im beruflichen Alltag – alles andere als eine einsame Angelegenheit, so das Ergebnis aus der Schreibforschung. Für die Didaktik bedeutet dies: Gemeinsames oder eben kooperatives Schreiben ist eine grundlegende Fähigkeit und keineswegs blosses Hilfsmittel, um Schüler und Schülerinnen zu unterstützen, die Schreibschwierigkeiten haben.

von Afra Sturm

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Aushandeln von Normen

Durch das gemeinsame Schreiben eines Textes setzen sich die Schülerinnen und Schüler verstärkt mit ihren eigenen Schreibnormen und auch Schreibroutinen auseinander. Das eigene Vorgehen und die eigenen Normen können so offen gelegt und reflektiert werden. Daneben entlastet gemeinsames Schreiben aber auch, indem mehrere Personen Verantwortung für das Produkt übernehmen oder indem unterschiedliche Kompetenzen zu einem besseren Produkt führen. Die individuellen Schreibfähigkeiten oder -strategien werden beim gemeinsamen Schreiben nicht etwa verdeckt, sondern gerade sichtbar gemacht.

Um kooperativ schreiben zu können, bedarf es aber anderer Fähigkeiten, als wenn man allein einen Text verfasst: Der Schreibprozess gestaltet sich anders, insbesondere kommen Aspekte wie Teambildung oder Teamplanung hinzu. Dies fordert von den Schreibenden auch ein Wissen darüber, welche Möglichkeiten es gibt, gemeinsam eine Schreibaufgabe zu bewältigen.

Die Phasen

Je nach zu bewältigender Aufgabe kann das kooperative Schreiben folgende Teilaspekte umfassen:


Abbildung 1: Phasen LOWRY ET AL. (2004)

Die Teambildung und die Teamplanung können mit Hilfstextsorten oder auch Hilfsstrategien unterstützt werden: Der Schnittkreis (vgl. Kasten 1) kann beispielsweise eingesetzt werden, um in der Gruppe in der Planungsphase oder auch während der eigentlichen Textproduktion einen Konsens herzustellen. Insbesondere das Zusammenführen von Ideen ist bei der Textproduktion eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen, beinhaltet es doch auch, dass sich die Gruppenmitglieder einigen können.

Gruppenstrategien

Einem Team stehen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung, eine Schreibaufgabe gemeinsam zu bewältigen:

Einer für alle:
Die Aufgabe wird von 1 Mitglied nach gemeinsamer Absprache mit der Gruppe bearbeitet.
– Üblicherweise gewählt, wenn die Aufgabe sehr einfach ist und wenn es nicht nötig ist, dass jedes Mitglied mit dem Textprodukt voll und ganz einverstanden ist; die Gruppe muss relativ klein sein.
– Notizen und Ähnliches

Sequenzielles Schreiben:
Ein Mitglied nach dem andern arbeitet an der Aufgabe.
– Zeitlich versetzte Textarbeit, wenig Struktur und Koordination; eignet sich v.a. dann, wenn Gruppentreffen kaum möglich sind.
Achtung: fehlendes gemeinsames Aushandeln, fehlende Kontrolle des Schlussdokuments kann problematisch sein.

Paralleles Schreiben (A):
Alle Mitglieder bearbeiten ihre Teilaufgaben relativ autonom.
– sehr effizient, erfordert gute Organisation und Koordination; eignet sich, wenn Gesamtaufgabe gut aufteilbar ist.
– Achtung: Teiltexte können stilistisch variieren.

Paralleles Schreiben (B):
Jedes Mitglied wählt eine Teilaufgabe nach seinen Fähigkeiten.
– sehr effizient, erfordert gute Organisation und Koordination; eignet sich, wenn die Gesamtaufgabe nicht aufteilbar ist.
– Achtung: Teiltexte können stilistisch variieren.

Reagierendes Schreiben:
Alle Mitglieder der Gruppe verfassen den Text in Echtzeit und reagieren auf Textbausteine, Vorschläge etc. der anderen.
– eignet sich, wenn Aufgabe hohen Konsens erfordert oder wenn Kreativität im Fokus steht.
– Achtung: erfordert ausgesprochen gute Organisation und Koordination.

Tabelle 1: Nach LOWRY ET AL. (2004), die Grafiken sind vollständig daraus entnommen.

Für manche Schreibaufgabe bietet sich eine bestimmte Gruppenstrategie an. Drei Beispiele sind in Kasten 2 illustriert.
Kooperatives Schreiben schafft authentische Situationen: Besonders gute Beispiele sind Online-Publikationen wie Wikipedia, denn der Inhalt und die Form der Wikipedia-Einträge wird von den Internet-Nutzenden laufend diskutiert und neu ausgehandelt.

 

Literatur
Bochmann, Reinhard und Kirchmann, Ruth (2007): Tiere aus Arktis und Antarktis. Kooperatives Lernen im Deutschunterricht der Eingangsstufe. In: Praxis Deutsch 205. S. 12–16.

Fritzsche, Joachim (1989): Schreibwerkstatt. Geschichten und Gedichte. Schreibaufgaben, -übungen, -spiele. Stuttgart.

Gerhard, Martin (2007): Der grüngelbe Gummifrosch. Ein eigenes Bilderbuch am Computer gestalten. In: Unterricht konkret 6, S. 18–23.

Lowry, Paul Benjamin; Curtis, Aaron und Lowry, Michelle René (2004): Building a Taxonomy and Nomen-clature of Collaborative Writing to Improve Interdisciplinary Research and Practice. In: Journal of Business Communication 41, S. 66–99…[http://job.sagepub.com/cgi/content/abstract/41/1/66; 27.5.2008]

Schneider, Frank (2008): Fiktive und reale Tierbeschreibungen im Wikipedia-Stil. In: Deutschunterricht 3/2008, S. 34–42.

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