Kommas und Könige

Die Kommasetzung zwischen (Teil-)Sätzen gilt als notorisches Problem. Die Schwierigkeiten liegen aber nicht etwa darin, dass die Kommaregeln besonders unsystematisch wären; im Gegenteil: die Regeln zur Kommasetzung zwischen Sätzen sind hoch systematisch. Das Problem liegt vielmehr in der grammatischen Komplexität und in der methodisch ‹suboptimalen›/fragwürdigen/unpassenden Vermischung von Satzanalyse bzw. -klassifikation und Kommasetzung.

von Thomas Lindauer und Elisabeth Sutter

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Traditionellerweise wird bei der Erarbeitung der Kommaregeln auch eine grammatische Klassifikation verschiedener Satztypen beim zusammengesetzten Satz unterrichtet: Subjekts- und Objektssatz, Kausal- und Relativsatz, erweiterter Infinitiv etc. Unserer Meinung nach werden dadurch die Regeln zur Kommasetzung unnötig verkompliziert. Die Aufmerksamkeit der Lernenden wird durch diesen Zugang nicht auf die für das Beherrschen der Kommaregeln wesentlichen grammatischen Grössen fokussiert, entsprechend häufig verschlechtert sich die Kommasetzung bei den Schülern und Schülerinnen immer dann, wenn im Grammatikunterricht diese feinere Klassifikation von Satztypen ausführlicher behandelt wird. Eine Behandlung der verschiedenen Satztypen ist also aus rechtschreibdidaktischer Perspektive unnötig, denn sie lenkt vom Kernproblem ab und verwirrt: (Teil-)Sätze werden, egal wie sie von einer Grammatikerin benannt werden, mit einem Satzzeichen voneinander abgetrennt, mehr muss man nicht wissen.

Ein Satz oder, salopper formuliert, das, was zwischen zwei Punkten steht, kann nicht nur aus einem Verb plus seinen Satzgliedern zusammengesetzt sein, sondern es können auch mehrere Verbgruppen bzw. (Teil-)Sätze zwischen zwei Punkten stehen:

  1. Wenn sie Zeitung liest, hört sie gerne Musik dazu.
  2. Er isst öfters Kartoffelchips, als er Bier trinkt.
  3. Sie vertraut ihm, ohne sein Zeugnis gesehen zu haben.
  4. Sie hofft, dass er kommt.
  5. Die Frau, die das Bier trinkt, und der alte Mann kennen sich schon lange.
  6. Der Hund flüchtet, sobald eine Katze näher kommt, unter das Sofa.

Das methodische Problem liegt nun vor allem darin, den Begriff «(Teil-)Satz» so zu umschreiben, dass dieser ab der 5. Klasse bei der Kommasetzung hilfreich ist.

Für die Rechtschreibung reicht das Folgende: Sätze sind Verben mit ihren zugehörigen Wortgruppen, Mitspielern. Mit anderen Worten: Verben eröffnen einen Rahmen, eine Einflusszone um sich, in dem andere Wortgruppen (= ihr Subjekt, ihre Objekte und anderes) vorkommen. Das Verb mit seinen Mitspielern bildet also eine Einheit, die immer mit einem Satzzeichen von anderen solchen Einheiten abgegrenzt wird. Um diese grobe grammatische Analyse bildlich auszudrücken und damit verständlicher zu machen, verwenden wir folgende Metapher auf allen Schulstufen mit Erfolg: Verben sind Könige, die Satzglieder ihre Untertanen. Zusammen bilden sie ein Königreich. Wenn man ein Königreich betritt, kommt man an einem Grenzposten (= Komma) vorbei.

Schematisch lässt sich dies wie folgt darstellen:

Bei den beiden Beispielen 5 und 6 ist die zweite Verbsphäre in die erste integriert:

Logischerweise steht dann am Anfang und am Schluss der zweiten Verbsphäre ein Komma. oder, um es bildlich zu sagen: Es gibt Königreiche in Königreichen – das sind die Enklaven. Wenn man ein Königreich bzw. eine Enklave betritt, kommt man an einem Grenzposten (= Komma) vorbei, wenn man es bzw. sie verlässt, hat es wieder einen Grenzposten.

Mit diesem Zugang deckt man die meisten Kommafälle ab. Voraussetzung dafür ist aber immer, dass man die Domäne von Verb und zugehörigen Mitspielern richtig erkennt. Dies können, wie die Erprobung zeigte, die Schüler und Schülerinnen zum Glück intuitiv sehr gut.

Königreiche bilden – Kurzbericht aus der Praxis

In der ersten Lektion, dieser rund 12 Lektionen umfassenden Einheit, ging es darum, dem Verb (König) passende Satzglieder (Untertanen) zuzuordnen sowie die Begriffe König, Untertanen und Königreich einzuführen.

Karten in zwei verschiedenen Blautönen, auf denen Satzglieder standen, waren auf dem Boden ausgelegt. Alle Karten gleicher Farbe gehörten demselben Königreich an. Einem Kind wurde die Krone aufgesetzt und es bekam eine Karte mit der Personalform eines Verbs. Die übrigen Kinder, seine Untertanen, zogen eine gleichfarbige Karte mit je einem Satzglied. Der König wählte seine Untertanen aus und wies jedem seinen Platz zu, bis er sein Königreich, das heisst einen Satz, gebildet hatte. Ein weiterer König bekam eine Karte in einem anderen Blauton und suchte sich ebenfalls seine Untertanen mit dem entsprechenden Blauton auf der Karte.

Wir suchten anschliessend nach Möglichkeiten, zwei Königreiche miteinander zu verbinden und grenzten die beiden Verbsphären mit einem Pfosten ab. Die Varianten mit einem Punkt oder einem Komma als Grenze wurden ausprobiert und diskutiert. In einem weiteren Schritt wurden Karten mit Konjunktionen angeboten: ‹jedoch›, ‹denn›, ‹wenn›, ‹dann›, ‹obwohl›, ‹weil›, ‹damit›, ‹dass›.

Isolierte Übungen

Diese ersten gemeinsamen Erfahrungen während des (geführten) entdeckenden Lernens wurden in einer isolierten Übung gefestigt. Es wurde bei allen Übungen (insgesamt 8) darauf geachtet, dass die erarbeiteten Proben auf die in den Übungen anzutreffenden Sätze auch angewendet werden konnten, sodass der Erwerb der Regeln nicht durch ‹Ausnahmen› gestört wurde.

Zwischen den einzelnen schriftlichen Übungen kehrten wir immer wieder zu den Karten zurück und lösten gemeinsam Beispiele. In spielerischen Bewegungssequenzen erkannten die Kinder handelnd die ‹Einflusszonen› der Verben (Könige) und zeigten keinerlei Mühe beim Zuordnen der Untertanen zu den entsprechenden Königen.

Könige und Königinnen

Weil die Kinder zusammengesetzte Zeitformen und Kombinationen mit Modalverben nicht als Einheit auffassten, entdeckten sie im selben Königreich plötzlich zwei Könige, deren Einflussbereich nicht klar abzugrenzen war. Eine Fünftklässlerin unterbrach die Erklärungen der Lehrperson und schlug vor, Hilfsverb und Verb als Königin und König darzustellen, die zusammengehören und im gleichen Reich regieren. Dies leuchtete allen ein und mithilfe dieser Metapher gelang es den meisten Kindern, Königspaare zu erkennen und die Kommas entsprechend zu setzen. (Vgl. Material 2; die Materialien finden sie auf unserer Website www.zentrumlesen.ch in der Rubrik Publikationen.)

Enklaven: Eingeschobene Sätze

Nachdem bei allen die Kommasetzung mit weiteren Übungen gesichert war, nahmen wir uns der eingeschobenen Sätze an. Einleitend wurde den Kindern die Geschichte, wie Till Eulenspiegel klugerweise in einem Karren in das Land des Herzogs von Lüneburg eingereist war, erzählt: Da er die Erde des Herzogs nicht betreten durfte, setzte er sich in einen Karren voller Erde und reiste so auf seiner eigenen Erde durch das Land des Herzogs. Die Geschichte löste bei den Kindern Heiterkeit aus und warf Fragen auf: «Ein Land in einem andern Land, gibt es das?», fragte eine Schülerin. Andere wussten darauf zu antworten und suchten auf der (Schweizer-)Karte nach Enklaven.

Auf die Zeichensetzung übertragen, ging es nun darum, Enklaven in Satzgefügen ausfindig zu machen und durch Kommas abzugrenzen. dafür nahmen wir wieder die Karten zuhilfe, liessen die Kinder die Enklaven bilden und abgrenzen:

Die Geschichte von Eulenspiegel bzw. das Phänomen der Enklaven machte den Schülern und Schülerinnen so viel Spass, dass wir sie selber Sätze mit Enklaven bilden liessen. das gab insbesondere für die im Bereich der Kommasetzung begabteren Kinder eine neue, spannende Herausforderung.

Fazit

Einerseits sollten die Kinder während der ganzen Unterrichtsreihe auf Arbeitsblättern die Kommasetzung üben, andererseits regten wir sie dazu an, eigene Satzverbindungen zu schreiben, sich die relevante Metapher und somit die Regeln zur Kommasetzung immer wieder vor Augen zu führen. Dabei bot sich eine gute Gelegenheit zur Individualisierung: Stärkere Schülerinnen und Schüler entwickelten einen grossen Ehrgeiz, selber Enklaven zu erfinden. Und auch nur die Leistungsstarken setzten nach dieser Unterrichtssequenz die Kommas im freien Schreiben bereits bewusst. Damit haben wir gerechnet, denn unserer Meinung nach ist es vollkommen unangebracht, von den Schülern und Schülerinnen einer 5.Klasse zu erwarten, dass sie die Kommasetzung auch in freien Texten beherrschen. Hilfreich für den Unterricht ist es jedoch, dass man auf die gemeinsam erarbeitete Regel zurückgreifen kann, wenn beim Überarbeiten der Texte auch die Rechtschreibung eine Rolle spielt, und dass die Schülerinnen und Schüler die erlernten Strategien anwenden können.

QUIMS-Fachbroschüre «Beurteilen und Fördern mit Fokus auf Sprache»

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