Lieber Feng Shui – Sehr geehrte Schwester Renate

«Ich selbst fand es toll, einfach drauf los zu schreiben und mit jeder Person eine eigene Beziehung aufzubauen. Man konnte fast nicht mehr aufhören zu schreiben.»

von Thomas Lindauer und Afra Sturm

Thema

Viele Kinder und Jugendliche behaupten, sie würden nicht gerne schreiben. Häufig schreiben sie aber mit Hingabe SMS oder Mails und halten sich hin und wieder in einem Chatraum auf. Sie nehmen diese Tätigkeiten jedoch nicht als eigentliches Schreiben wahr. Dies liegt zum Teil daran, dass dieses Schreiben für sie relevant ist, das heisst, dass ihnen die Funktion des Schreibens einsichtig, das Schreiben für sie selbst sinnvoll ist und entsprechend auch Freude bereiten kann. Diese motivationale Basis kann auch für einen schulischen Schreibanlass genutzt werden.

Wir stellen im Folgenden einen Schreibanlass vor, der die Freude, den Spass am Schreiben wecken und Ängste gegenüber dem Schreiben abbauen soll. Konkret: Die Schüler und Schülerinnen sollen zu einem (fiktiven) Briefwechsel animiert werden. Dieser Schreibanlass eignet sich sowohl für Mittel als auch für Oberstufe und kann selbst mit Erwachsenen durchgeführt werden. Er wurde bereits mit grossem Erfolg sowohl in Schulzimmern als auch in Schullagern umgesetzt.

Durchführung

Jede Schreiberin und jeder Schreiber erhält eine Namenskarte (zur Wahl der Namen siehe unten), die er bzw. sie für alle gut sichtbar vor sich aufstellt. Alle erhalten ausserdem vorbereitetes Briefpapier von der Grösse A5 oder auch nur A6, das – wenn der Brief geschrieben ist – gefaltet und aussen mit dem Namen des Empfängers angeschrieben wird. Auf den Brief sollten die EmpfängerInnen fortlaufend eine Nummer setzen, damit der Dialog bei Bedarf rekonstruiert werden kann.

Die Schreiber und Schreiberinnen können sich einen fiktiven Namen geben oder den Namen einer bekannten Person wählen, sei dies Harry Potter, Britney Spears, Martina Hingis oder Batman. Da die Namenwahl für das Gelingen des Briefwechsels entscheidend ist, lohnt es sich, hierfür genug Zeit anzusetzen. Wenn Schüler und Schülerinnen gleiche Namen wählen, braucht es ebenfalls Zeit zum Aushandeln. Wir selbst haben immer die Namen vorgegeben und dabei darauf geachtet, dass die Namen gewisse (Stereo-)Typen wecken, aber auch offen sind: eine Schwester Renate kann als Krankenschwester oder auch als Nonne interpretiert werden. Wenn fiktive Namen gewählt werden, muss auch das Alter der gewählten Figur angegeben werden. Das Alter löst weitere Assoziationen zur Figur aus: Eine Olga Vechtarowa mit 24 Jahren ist ein anderer Typ als eine mit 74 Jahren.

Wir haben mit Figuren des folgenden Typs gute Erfahrungen gemacht: Feng Shui (38), Olga Vechtarowa (24), Minher Vanderkyker (71), Minerva von Stechow (56), Schwester Renate (43), Giovanni Righetti (31), Kemal Sömöklü (29), Prof. Dr. Emilia Zöpfl (66), Rosalia da Restucci (40), Henry Salazar (30) usw.

Die Gruppengrösse kann von (mindestens) vier bis (maximal) zwölf TeilnehmerInnen variieren. Es sollten nicht allzu viele Personen am Schreibspiel teilnehmen, da sonst keine rechten Kommunikationsflüsse entstehen und jemand vielleicht sogar aus dem Spiel herausfällt bzw. kaum oder gar keine Post erhält.

Da es um einen Briefwechsel geht, muss bei grösseren Gruppen jemand den Briefträger bzw. die Briefträgerin spielen: Diese Person schreibt selbst keine Briefe. Damit die Aufgabe des Briefe-Austragens gut und flüssig erfüllt werden kann, ist es sinnvoll, die Tische U-förmig anzuordnen. In kleineren Gruppen können die Briefe auch in die Mitte des Tisches gelegt oder direkt dem Empfänger zugeschoben werden. Wenn das Spiel über mehrere Tage dauert, kann auch mit einem ‹richtigen› Briefkasten bzw. einer Pinnwand gearbeitet werden.

Für den Briefwechsel braucht es eine gewisse Anwärmzeit: Die Schreibenden müssen sich erst einmal ihre eigene Figur vergegenwärtigen und sich auch eine Vorstellung zu den anderen Figuren bilden, damit sie diesen einen Brief an einen oder mehrere andere Figuren ihrer Wahl schreiben können. Zudem müssen sie sich überlegen, in welcher Beziehung ihre Figur mit der Empfängerin steht. Die Figuren werden aber auch durch die Briefe, die sie erhalten, weiterentwickelt. Es kann sogar sein, dass man sich gegen das in den eingehenden Briefen vorgestellte Bild wehren muss. Erfahrungsgemäss muss man mit etwa 10 Minuten rechnen, bis das Spiel in Gang kommt. Danach dauert es nochmals rund 10 Minuten, bis die intensive Phase des Schreibens und Lesens erreicht wird. Meist erschöpft sich das Spiel nach etwa 45–60 Minuten. Es kann jedoch auch viel länger dauern: In einem Schullager war eine Gruppe Mädchen von diesem Spiel so angetan, dass sie auch in der Freizeit weiterschrieben. Zu fünft sassen sie um ein grosses Tuch, schrieben ihre Briefe, legten die zu versendenden Briefe auf ein Tuch, das zwischen ihnen lag, und schüttelten dann sanft die Post an die Empfängerin, sodass sie sowohl Schreiberinnen und Leserinnen als auch Briefträgerinnen waren.

Im Laufe des Briefwechsels können sich in einer Gruppe 2er- oder 3er-Beziehungen aufbauen: Es können zarte Liebesbeziehungen entstehen oder auch ganze Komplotte, die im Extremfall einen (natürlich fiktiven) Mord zum Ziel haben. Die Bandbreite ist ausserordentlich gross, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass die Kinder und Jugendlichen bei diesem Schreibspiel verdeckt Beziehungen aufbauen können. So freut sich Feng Shui, dass sich Frau Zöpfl für seinen Kurs interessiert. Dass sie auch gleich noch am Sonntag um 6 Uhr vorbeikommen möchte, wehrt er zunächst höflich ab. Die Antwort von Frau Zöpfl aber lässt ihn weich werden: «Also, wenn es Ihnen nicht schon um 6.00 Uhr geht, dann komme ich eben erst um 12.00. Ich wäre jedoch interessiert daran, was Sie dann am Sonntag um 6.00 schon vorhaben? Haben Sie dann andere Interessierte?»

Es empfiehlt sich eher nicht, den Briefwechsel am Schluss auszuwerten, um den «informellen» Charakter des Schreibspiels beibehalten zu können (in der auf den Briefwechsel folgenden Pause dürfte sich unter den Schülern und Schülerinnen von selbst ein Gespräch über den Briefwechsel ergeben). Wer möchte, soll aber am Schluss Briefe vorlesen können.

Erfahrungsgemäss wird selten so intensiv gelesen und geschrieben, wie während diesem Spiel. Wir haben auch nie erlebt, dass jemand zum Aussenseiter wird und gar keine Post erhält. Bei unseren ersten Versuchen haben wir jedoch festgestellt, dass jemand relativ wenig Post bekommt, wenn die Figur nicht ansprechend ist: Die Figuren Oskar Berger (56) oder Evi (11) haben kaum zum Schreiben angeregt.

Schreibdidaktischer Kommentar

Trotz oder gerade wegen des hohen Spielcharakters ist dieser Schreibanlass förderlich für den Ausbau der Schreibkompetenz, und zwar in mehrfacher Hinsicht:

Die Schüler und Schülerinnen schreiben viel und leserorientiert. Gerade auch diejenigen, die sich sonst beim Schreiben eher schwer tun und oft auch nur wenig Text produzieren, erleben, dass sie durchaus schreiben und das Schreiben für ihre kommunikativen Bedürfnisse nützen können.

– Schreiben wird als etwas kommunikativ Wertvolles erlebt. Dieser Punkt ist nicht zu unterschätzen, da es im schulischen Kontext oft schwierig ist, «echte» Kommunikationssituationen herzustellen, sodass ein leserorientiertes Schreiben aufgebaut werden kann.

– Die Kinder und Jugendlichen müssen sich in ihre eigene Figur und in fremde Figuren hineinversetzen. Sie müssen auf andere Vorstellungen zu diesen Figuren, wie sie aus den Briefen abzulesen ist, geschickt reagieren. Dazu braucht es Vorstellungskraft, die im Schreibspiel Schritt für Schritt bzw. Brief für Brief aufgebaut werden kann.

– Der Briefwechsel lebt davon, dass schnell und kontinuierlich geschrieben wird: Ein Überarbeiten oder auch ständiges Abschreiben der korrigierten Entwürfe wäre dem Schreibspiel hinderlich, würde es sogar erlahmen lassen. Dass Schreiben nicht immer mit Überarbeiten einhergeht, wird von den Kindern und Jugendlichen als entspannend erlebt.

Da es ein Schreibanlass ist, der ohne Entwurf und Überarbeitung auskommt, ist es auch eine Art rechtschreibfreier Raum: Es braucht wohl kaum betont zu werden, dass dies ebenfalls notwendige Entspannungsmomente im Leben von Schreibenden bietet.

– Und schliesslich wird selten so viel gelesen und auf Gelesenes mit eigenen Texten reagiert wie in dieser kommunikativen Schreib- und Lesesituation.

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