Verzweigte Geschichten

«Wer nichts zu sagen hat, kann auch nichts schreiben.» – Mit diesem Satz lässt sich eine zentrale Säule der Schreibdidaktik umreissen: das Initiieren des Schreibens. Diskussionen in der Schreibdidaktik und Erkenntnisse in der Schreibforschung weisen darauf hin, dass das Entwickeln von Schreibideen im Schreibunterricht ein zentraler Prozess ist und dass diesem Aspekt im Unterricht mehr Beachtung geschenkt werden muss. Konkret: Wie bringen wir Schüler und Schülerinnen dazu, dass sie etwas zu sagen haben?

von Afra Sturm

Ideen und konkave Vierecke

Bevor Sie weiterlesen, ein kleines Experiment: Zeichnen Sie bitte auf ein Blatt Papier ein Viereck. Falls Sie nicht über spezielles Vorwissen verfügen, haben Sie vermutlich ein mehr oder weniger regelmässiges Viereck gezeichnet (ein Rechteck, ein Quadrat, vielleicht sogar ein Parallelogramm, Trapez oder einen Rhombus), kaum aber ein konkaves Viereck.1

Auf das Schreiben übertragen: Wie können Schüler und Schülerinnen bei der Ideenfindung so unterstützt werden, dass sie nicht nur ein Rechteck, sondern ein ungewöhnliches, ein überraschendes Viereck «zeichnen»?

Dem kreativen und dem kooperativen Schreiben kommen in Bezug auf diese Fragen eine wichtige Funktion zu: Beide wollen – auf unterschiedliche Weise – das Schreiben erleichtern und vor allem den Schreibprozess initiieren.

  1. Das kreative Schreiben zeichnet sich nach Böttcher (1999: 21) dadurch aus, dass es den eigenen Sichtweisen der Schüler und Schülerinnen entgegenkommt und das «Hineintauchen in andere Wirklichkeiten, Perspektiven» herausfordert. Die Schreibarrangements sollen darüber hinaus «ungewöhnlich, faszinierend, stimulierend und fantasievoll» sein.
  2. Das kooperative Schreiben kann entlasten, indem mehrere Personen beteiligt sind und ihre Ideen, ihr Vorwissen oder ihre spezifischen und manchmal sehr unterschiedlichen Fähigkeiten beisteuern. Die individuellen Fähigkeiten oder Strategien werden beim gemeinsamen Schreiben nicht verdeckt, sondern sichtbar gemacht.

Beide methodischen Zugänge lassen sich separat oder kombiniert durchführen. Bei beiden handelt es sich im Kern um angeleitetes Schreiben, d.h. die Schüler und Schülerinnen werden mit Hilfestellungen wie Regeln, Formen oder Mustern u.a. bei der Ideenfindung, beim Schreiben oder auch Überarbeiten unterstützt (Böttcher/Becker-Mrotzek 2003: 27). Angeleitetes Schreiben meint aber nicht, dass die Schreibenden in ein Korsett gezwängt werden sollen, sondern dass die Hilfestellungen die Ideenfindung anregen oder Vorwissen aufrufen und erweitern.

Auf der Grundlage einer literarischen Vorlage führe ich im Folgenden einen Schreibanlass für die Mittelstufe aus, der eine Verbindung von kreativem und kooperativem Schreiben nahelegt.

Ideen auf Um- und Abwegen

Willberg/Beckhaus (2009) haben mit ihrer «ver-flixten, ver-zwickten und ver- zweigten» Geschichte von einem kleinen Hund ein Bilderbuch vorgelegt, das Bild und Text gestalterisch aufeinander bezieht und das deshalb dazu anregt, ihr Konzept für eine Schreibidee zu nutzen.

 

Die Geschichte vom kleinen Hund ist für sich betrachtet eher einfach und eignet sich insbesondere für Kindgarten- bzw. Vorschulkinder; für MittelstufenschülerInnen ist sie auf den ersten Blick nicht besonders verführerisch: Das ist aber nicht das Entscheidende, denn sie zeigt auf, wie ein und derselbe Geschichtenanfang und nicht

zuletzt damit auch das Genre variiert werden kann (Liebesroman vs. Krimi vs. …). Solche Variationen können als Vorlage dienen und Erzählmuster verdeutlichen. Gerade für MittelstufenschülerInnen bzw. für noch wenig erfahrene Schreiber und Schreiberinnen stellt eine einfache Geschichtenstruktur eine Entlastung dar und ermutigt zu eigenen Versuchen.

In der verzweigten Geschichte wird ein Geschichtenanfang in zwei Erzählstränge überführt, von denen der eine wieder in zwei aufgefächert wird, sodass dann drei Erzählstränge parallel erzählt werden. Die Gestaltung nimmt dies auf, indem die verschiedenen Erzählstränge separat bebildert sind.

Für die Schüler und Schülerinnen lässt sich daraus folgende Anleitung erstellen:

  1. Denk dir eine Person oder mehrere Personen, eine Sache oder ein Tier aus. Denk dir zu deiner Figur auch eine bestimmte Situation aus.
  2. Erfinde zu deinem Geschichtenanfang zwei verschiedene Fortsetzungen: Denk dir dazu verschiedene Ereignisse aus.
  3. Nimm einen der beiden Erzählstränge und bau ihn wieder zu zwei verschiedenen Fortsetzungen aus: Du kannst dir dazu neue Figuren, neue Situationen und Ereignisse ausdenken.
  4. Jetzt hast du drei Erzählstränge, die du parallel weiter ausbauen kannst.
  5. Führe zwei Erzählstränge wieder zusammen: An einem Punkt der Geschichte geht es für beide gleich weiter. Überlege dir, welche Situation oder welches Ereignis sich dafür eignet.
  6. Führe die letzten zwei Erzählstränge nun so zusammen, dass alle in den gleichen Schluss münden.

Für gute oder versierte SchreiberInnen kann eine solche Anleitung bereits ausreichend sein. Die Ideenfindung lässt sich aber gut mit Hilfsmitteln unterstützen:

a) Packpapier mit der Struktur der verzweigten Geschichte vorbereiten: Die SchülerInnen können darauf ihre Ideen mit Post-it-Zettelchen auslegen, diese umgruppieren, durch neue ergänzen oder ersetzen.

b) Erzählkarten können für die ersten zwei Schritte sehr hilfreich sein. Eine Anleitung sowie Muster dazu finden sich in den Sprachstarken Bd. 5, Sprachbuch S. 58–59. Dort wird zwischen drei Typen von Erzählkarten unterschieden:
Figurenkarten: vom Herrn Oz über die Vogelscheuche bis zum Thymianstrauch
Situationskarten: Landstrasse, kein Handyempfang, stockdunkel …
Ereigniskarten: blutende Wunde, sich warm halten, Platzregen etc.

c) Die Ideenfindung kann kooperativ erfolgen (eine 3er-Gruppe würde sich hier anbieten, zu den verschiedenen Gruppenstrategien vgl. Sturm 2008): Zum einen können die Schüler und Schülerinnen gemeinsam ihre Ideen entwickeln und ihre Post-it-Zettelchen oder auch Erzählkarten positionieren, zum andern können sie auch ihre verzweigte Geschichte gemeinsam verfassen oder je einen Erzählstrang einzeln ausgestalten und sich in ihrer Gruppe gegenseitig beim Schreiben unterstützen.

Ideen von andern: Werksspionage?

Schreiben lernt man zu einem gewichtigen Teil über Beobachten und Nachahmen: Nicht nur AnfängerInnen bedienen sich ihres Geschichtenschatzes – sei es, indem sie ein eigenes Büchlein zum Regenbogenfisch gestalten; sei es, indem sie eine 007-Geschichte erfinden –, auch Schriftsteller und Schriftstellerinnen betreiben, wie es Essig (2007:30) formulierte, ‹Werksspionage›. Im Schreibarrangement «verzweigte Geschichten» können die Schreibenden gewissermassen doppelte Werksspionage betreiben.

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Literatur

Böttcher, Ingrid (Hrsg.) (1999): Kreatives Schreiben. Grundlagen und Methoden. Berlin: Cornelsen.

Böttcher, Ingrid; Becker-Mrotzek, Michael (2003): Texte bearbeiten, bewerten und benoten. Berlin: Cornelson. Die Sprachstarken (2008): Deutsch für die Primarschule 5. Klasse Sprachbuch, Arbeitsheft, CD-Rom. Zug: Klett und Balmer.

Essig, Rolf-Bernhard (2007): Schreiberlust & Dichter- frust. Kleine Gewohnheiten und große Geheimnisse der Schriftsteller. München: Hanser.

Sturm, Afra (2008): Kooperatives Schreiben – Entlastung und Herausforderung zugleich. In: Rundschreiben Zentrum Lesen 15.

Willberg, Hans Peter; Beckhaus, Peter (2009): Die ver- flixte,-zwickte, -zweigte Geschichte vom kleinen dicken Hund. Stuttgart/Wien: Thienemann.

Multiple Dokumente verstehen und verarbeiten: Anforderungen und Förderansätze

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Das Schreibentwicklungsportfolio – Durch formatives Feedback zu akademischen Schreibfertigkeiten

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