Julia C. Werner: Um 180 Grad

Lennard wird erwischt, als er zusammen mit ein paar Kollegen die Betonwand des Altersheims mit coolen Tags besprüht. Zur Strafe wird er von seinen Eltern dazu verknurrt, sich im Altersheim als Vorlesepate zu melden. Und dies für eine lange Zeit. Die ersten Besuche sind schlimm, obwohl Frau Silberstein sehr nett ist und manchmal auch einfach einschläft, wenn er ihr aus seinem Lieblingsbuch «Tschick» vorliest. Nach und nach beginnt Frau Silberstein aber zu erzählen, so viele schreckliche Erinnerungen plagen sie. Als junges Mädchen war sie in Ausschwitz, hat als eine der Wenigen überlebt. Lennard spürt, dass es wichtig ist, die alte Frau reden zu lassen. Und was sie da erzählt, das geht ihm ganz schön unter die Haut. Lennard wird auch klar: Wenn er ihr nicht zuhört, tut es niemand mehr. Mit jedem Besuch bekommt Lennard diese gebrechliche, kleine Frau lieber und die Besuche werden auch für ihn immer wichtiger. Dazu kommt, dass er dort auf Lea trifft. Sie ist ein Traum von einem Mädchen und besucht oft ihre alte Tante im Heim. Jetzt schaut sie, wenn Lennard da ist, auch immer öfter bei Frau Silberstein vorbei. Lennard und Lea begleiten Frau Silberstein in ihren letzten Tagen. Beide müssen über das Gehörte immer wieder reden und kommen sich dabei näher. Als Frau Silberstein stirbt, sind sie gegenseitig füreinander da. Beide haben sich in dieser Zeit verändert, vielleicht nicht um ganze 180 Grad, aber sie beide sind ein gutes Stück erwachsener geworden.

Frau Silberstein erzählt viele schlimme Details aus dem Lageralltag, das erschüttert. Trotzdem liest man das Buch gern. Einerseits hat diese alte Frau überlebt, andererseits ist da diese zarte Liebesgeschichte, der man lesend so gerne folgt. Die Erinnerungen an diese schreckliche Zeit müssen bleiben. Auch dann, wenn die Generation der Überlebenden nicht mehr da ist, so die klare Botschaft. Julia C. Werner hat ein berührendes, wichtiges Buch geschrieben, dem man möglichst viele jugendliche Leserinnen und Leser wünscht.

Julia C. Werner: Um 180 Grad. Urachhaus 2020. ISBN: 978-3-8251-5237-6

Rezension: Maria Riss

 

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