Jo Cotterill: Eine Geschichte der Zitrone

zitroneCalypso ist fast zwölf. Sie lebt mit ihrem Vater zusammen. Ihre Mutter ist gestorben, als Calypso fünf Jahre alt war. Calypso ist still. Sie hat ihre eigene Welt, lebt mit ihren vielen Büchern und einem Vater, der dauernd schreibt und alles um sich herum zu vergessen scheint. Wenn Calypso nicht wäre, er würde sogar nicht mal dran denken, etwas zu essen. Er schreibt ein Buch über Zitronen und züchtet die Pflanzen im Wintergarten. Und dann kommt Mae in Calypsos Klasse. Zum ersten Mal hat Calypso eine Art Freundin gefunden. Mae nimmt Calypso zu sich nach Haus und ganz allmählich wird Calypso bewusst, wie leer, trist und einsam ihr eigenes Zuhause ist. Wie lange sie nicht mehr gelacht hat, wie gut es tut, von einer Freundin in den Arm genommen zu werden. Ganz langsam brechen ihre Mauern ein, die sie sich seit dem Tod ihrer Mutter aufgebaut hat. Calypso kann endlich weinen, loslassen und um ihre Mutter trauern. Auch ihr Vater bekommt das mit. Calypso ist nicht mehr ständig daheim und sorgt für ihn. Calypso drängt ihn dazu, endlich etwas zu verändern. Aber Veränderungen sind schwer, aufgestaute Trauer endlich zuzulassen, das tut weh. Calypsos Vater hat immer gesagt, dass man nur in sich selber die nötige Stärke finden kann, um mit schwierigen Situationen umzugehen. Calypso belehrt ihn auf sehr eindrückliche Art eines Besseren.
Konsequent aus der Sicht der zwölfjährigen Calypso beschreibt die Autorin eindringlich und in einer wunderbar einfachen, treffenden Sprache, wie schwer es Kinder haben, deren Eltern psychisch erkrankt sind. Wie viel auf ihren Schultern lastet. Es ist gut, dass Calypso nun eine Freundin hat und eine Lehrerin dazu, die ihr weiterhelfen. Man muss nicht alles alleine schaffen. Es ist auch gut, dass Calypso so viel und gerne schreibt. Ihr helfen die geschriebenen Zeilen, ihren Kummer zu verarbeiten. Die Geschichte dieses Aufbruchs nachzulesen, das ist sehr eindrücklich. «Eine Geschichte der Zitrone» gehört zu jenen Büchern, bei denen man sich die letzten Seiten aufspart, weil die Lektüre so berührend und wunderschön ist. Für Jugendliche und Erwachsene.

Jo Cotterill: Eine Geschichte der Zitrone. Königskinder 2016. ISBN: 978-3-551-56036-0

Rezension: Maria Riss

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