ENTWURF

COUNTERFACTUAL STRUCTURES

Einführung:

Das Jahresthema «Transformation» lädt uns dazu ein, Architektur als ein Feld im ständigen Wandel zu betrachten: Transformation von Formen, Techniken, Materialien, Nutzungen und Narrativen. In diesem Zusammenhang wWollen wir einen Denkansatz aus der Geschichtsforschung untersuchen, der im entwerferischen Kontext bisher selten thematisiert wurde: den der Counterfactual History. Jean-Louis Cohen schreibt in The Future of Architecture since 1889: «Architektur befasst sich zwangsläufig mit der Zukunft. Gleichzeitig blicken Architekten ständig in die Vergangenheit, auf der Suche nach Gebäuden und Mustern, die mit ihren eigenen Projekten räsonieren.» Doch was, wenn wir Geschichte nicht nur als statische Referenz betrachten, sondern sie selbst zu transformieren beginnen?

Was wäre, wenn?

Wir verstehen diesen Perspektivwechsel nicht als Science-Fiction oder reine Fantasie, sondern als methodisches Werkzeug der Kritik und Transformation. Die Arbeit mit kontrafaktischen Szenarien beleuchtet historische Gegebenheiten unter veränderten Vorzeichen, um neue Erkenntnisse für die Gegenwart zu gewinnen: Was wäre, wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt andere Entscheidungen getroffen, ein Bericht veröffentlicht oder ein Gedanke nicht verdrängt worden wäre? Welche alterna-tiven Szenarien und Wirklichkeiten wären denkbar gewesen?

In Film und Literatur ist diese Methode längst etabliert. Werke wie Tom Tykwers Lola rennt (1998), Peter Howitts Sliding Doors (1999), Christian Krachts Roman Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (2009) oder Quentin Tarantinos Inglourious Basterds (2009) zeigen, wie das Verschieben historischer Fakten kreative Freiräume eröffnet – und zugleich unserer gelebten Gegen-wart einen Spiegel vorhält. Und auch in der Wissenschaft, etwa im Bereich der Postcolonial Studies habe Werke wie Dipesh Chakrabarty‘s Buch Provincializing Europe (2000), aufgezeigt, wie die Auseinandersetzung mit alternativen Geschichtsszenarien zu neuen wissenschaftliche Erkenntnis-se führen kann.

Alternative Architekturen

Auf die Architektur angewandt, fordert uns dieser Perspektivwechsel dazu auf, die Beziehungen zwischen soziokulturellem Kontext, Konstruktion, Materialität und innerer Räumlichkeit neu zu den-ken. Architektur entsteht stets im Kontext gesellschaftlicher Fragestellungen, die mit einer Haltung zur Stadt, zur Energie oder zur Geschichte einhergehen. Andere Werte oder wirtschaftliche Bedin-gungen führen zu anderen Rohstoffen und Technologien, diese wiederum zu neuen konstruktiven Möglichkeiten – und damit zu Strukturen mit eigenen Eigenschaften, Rhythmen und Logiken. Die Grundlagen eines Projekts ergeben sich so nicht nur aus dem, was war, sondern ebenso aus dem, was hätte sein können.

Konkret interessieren uns imaginäre, aber plausible Alternativen zu realisierten Bauten – Gebäude oder Systeme, die nicht aus technischen Gründen, sondern aufgrund historischer, kultureller oder politischer Bedingungen verhindert wurden. Der kontrafaktische Ansatz ist daher keine freie Spekulation, sondern ein gezieltes Verschieben des Blickwinkels:

Wie verändert sich ein Tragwerk, wenn Stahl durch Holz ersetzt wird? Ein grossmassstäbliches Raster durch eine dichte Tragliniatur? Ein industrielles System durch handwerkliche Bauweisen?

Im kommenden Semester wollen wir diese Überlegungen durch eine strukturelle Re-Lektüre erfahr-bar machen. Transformation bedeutet hier, Geschichte als Material für den Entwurf zu begreifen – nicht um Vergangenes zu rekonstruieren, sondern um verdrängte Potenziale sichtbar zu machen und neue architektonische Optionen zu eröffnen.

Zeitreise

Zeitlich befassen wir uns mit den späten 1970er- und 1980er-Jahren. Nach den Boomjahren der Nachkriegszeit, die von scheinbar unerschöpflichen fossilen Energien getragen waren, stürzten die Ölkrisen von 1972 und 1978 die westliche Welt in eine Rezession. Die Studentenbewegung von 1968 und ihre Folgen stellten neben dem Wirtschaftssystem auch gesellschaftliche Werte infrage und drängten auf sozialen und kulturellen Wandel. Der Bericht des Club of Rome Die Grenzen des Wachstums (1972) machte die drohende Umweltzerstörung erstmals zu einem politischen Thema von Weltrang. Umweltbewegung und Heimatschutz gewannen an Gewicht, während die Wiederent-deckung der gewachsenen Stadt den Erneuerungseifer der Boomjahre relativierte.

Im architektonischen Diskurs geriet die Nachkriegsmoderne zunehmend in die Kritik. An ihre Stelle traten neue Strömungen wie Postmoderne, Regionalismus oder High-Tech-Architektur. Zugleich gewann das junge Feld der Architekturtheorie an Bedeutung, und Autoren wie Reyner Banham rückten mit Texten wie The Architecture of the Well-Tempered Environment die energetische Performance von Gebäuden in den Fokus.

Obwohl Studien schon in den frühen 1970er-Jahren den Zusammenhang von CO₂-Emissionen und steigenden Temperaturen belegten, blieb eine breite Debatte um den menschengemachten Klima-wandel – und damit um die klimatische Dimension des Bauens – aus. Die Industrie hielt eigene Er-kenntnisse zudem bis weit in die 1990er-Jahre zurück. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Frage nach grauer Energie und den ökologischen Folgen des Bauens zu einem zentralen Thema entwickelt.

Wie hätte sich die Architektur wohl verändert, wenn diese Diskussion bereits damals geführt wor-den wäre – zu einem Zeitpunkt, als der CO₂-Gehalt der Atmosphäre etwa halb so hoch war wie heute? Diese Frage bildet den Ausgangspunkt unseres Studios.

Zurück in die Zukunft

Durch die Re-Lektüre historischer Gebäude unter veränderten Vorzeichen erhoffen wir uns neue Ansätze für den Ausdruck und die Konstruktion postfossiler Architekturen. Das Studio wird dabei als Denkraum verstanden, in dem experimentiert, spekuliert und erprobt werden darf. Wie bei allen Experimenten ist der Ausgang offen – und Scheitern ausdrücklich erlaubt.