Wohnen bauen lernen

 

Durch die Umstellung des Bachelor Studiengangs auf Jahreskurse können wir nun das ganze zweite Studienjahr dem Wohnungsbau widmen. Der Platz im Curriculum ist dafür ideal geeignet, weil die ersten Begegnungen mit architektonischen Themen, die im ersten Jahr stattgefunden haben, jetzt stärker verknüpft werden können mit sozialen, städtebaulichen und konstruktiven Aspekten.

 

Lange bevor der Tempel zur ersten Aufgabe der Architektur wurde, war das Wohnen die erste Aufgabe des Bauens geworden. Dass die Begriffe “Bauen” und “Wohnen” nicht nur aufs engste miteinander verwobenen sind, sondern eigentlich dasselbe meinen, hat Martin Heidegger in seiner 1951 erschienen Schrift “Bauen Wohnen Denken” dargelegt.

 

Wenn wir uns also mit der Frage beschäftigen, wie angehende Architektinnen und Architekten an den Wohnungsbau herangeführt werden könnten, so scheint zunächst ihre direkte Erfahrung mit dem eigenen Wohnen ein solides Fundament zu sein. Sehr schnell erweist sich dieser Hintergrund indes als übermächtig, weil er mit tradierten Bildern vollgestopft ist, mit Vorurteilen und Klischees. Die eigene Erfahrung, die in Wirklichkeit eine kollektive, über viele Generationen angehäufte Erfahrung ist, verstellt den Blick auf das Wesentliche.

 

Wir versuchen deshalb zunächst einen Einstieg über den Begriff “Wohnkultur”. Wenn es so etwas wie eine Kultur des Wohnens gibt, bedeutet das auch, dass das Wohnen weit mehr ist als die Befriedigung statistisch ermittelbarer Bedürfnisse. Und zu dieser kulturellen Einbettung des Wohnens müssen Architektinnen und Architekten einen bewussten Beitrag leisten können. Gerade in der Schweiz ist der Wohnungsbau in den letzten Jahren zu einer hektischen Hochleistungsakrobatik verkommen, die den einfachen und elementaren Dingen keinen Wert mehr beimisst.

 

Das Scharnier, mit dem wir diese kulturellen Aspekte mit den städtebaulichen in Beziehung setzen wollen, ist die Konstruktion. Sie begleitet unseren Entwurfsunterricht auf allen Stufen, weil erst die Konstruktion die Architektur mit dem Bauen verbindet. Wie sind die Teile gefügt? Was trägt? Wie gross sind Stein und Fuge? Wie mächtig der Sockel? Als Methode hat es sich in unserem Kurs bewährt, Beton als Baustoff zu verbieten. Das Tragwerk überwindet dadurch den unarchitektonischen Zustand amorpher Beliebigkeit und verlangt nach Struktur und Ordnung und Hierarchie. Und das Entwerfen verlangt nach Dialog mit den Bauingenieuren – endlich, möchte man ergänzen.

 

Der Bogen unseres Jahreskurses schliesst sich beim Städtebau. Unsere Städte bestehen zum wesentlichen Teilen aus Wohnbauten und sie prägen die Städte mehr als alle Kathedralen, Museen und Fabriken zusammen. Sie prägen sie durch ihre Masse, und weil sie typisch sind für den Ort und für die Gesellschaft, die diesen Ort bewohnt. Die soziale Dimension des Wohnungsbaus erkennbar zu machen, scheint uns wichtig. Die angehenden Architektinnen und Architekten sollen verstehen, dass sie es beim Wohnungsbau nicht nur mit den urältesten Anliegen der Menschheit zu tun haben, sondern auch mit den drängenden Fragen der nahen Zukunft.

 

Prof. Matthias Ackermann

 

Team

Prof. Matthias Ackermann

 

Assistenz

Axel Gassmann

Valentin Lang

Fabienne Maritz

Anja Müller