Von praktischen und poetischen Listen und worin ihr didaktisches Potenzial liegt

Aus einer schreibdidaktischen Perspektive weisen sowohl praktische als auch poetische Listen ein grosses und vielleicht auch oft unterschätztes Potenzial auf. Poetische Listen als sprachliches Mittel zur Beschreibung von Orten, Geschehnissen, Stimmungen u. a. sind schreibdidaktisch gesehen erst noch zu entdecken.

von Afra Sturm

Eine Tagebuchstudie zu Schreibgewohnheiten von Erwachsenen ergab, dass am häufigsten nicht etwa Texte geschrieben werden, die aus mehreren Sätzen bestehen, sondern in erster Linie Listen, Tabellen u.Ä. (Cohen/White/Cohen 2011). Listen begleiten die Menschheit, seit es Schrift gibt. So verwendeten bspw. die Inkas Knotenschnüre, um Geburts- und Sterberegister anzufertigen, um Ergebnisse der Volkszählungen oder Ernteerträge festzuhalten (Haarmann 1991). Und den Alt-Sumerern, die Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. lebten, wird nachgesagt, dass sie ihr Schriftsystem im Zusammenhang mit der Buchführung ihres Staates erfunden hätten: Zu den erhaltenen ältesten Schriftdokumenten gehören denn auch entsprechende Listen und Aufstellungen (Haarmann 1991: 96).

Praktische und Poetische Listen

Eine Liste ist aber nicht einfach eine Liste: Es gibt Einkaufslisten, To-do-Listen, Packlisten,Telefonverzeichnisse, Handelsregister, Wörterlisten in Form von Wörterbüchern – Rechtschreibwörterbuch, Herkunftswörterbuch, rückläufiges Wörterbuch u.v.m. –, Waren- oder Ausstellungskataloge usw. Listen dieser Art bezeichnet Eco (2009) als praktische Listen. Ein wichtiges Merkmal solcher Listen besteht darin, dass sie nicht widersprüchlich seien, sondern dass das Kriterium der Zusammenstellung auch zwischen scheinbar unvereinbaren Dingen Kohärenz stifte: «Widersprüchlich wäre nicht einmal eine Liste, die einen Besen, ein beschädigtes Exemplar einer Biographie des Galenos, einen Fötus in Spiritus oder […] einen Regenschirm und einen Seziertisch zusammenbringt. Man bräuchte nur festzulegen, daß es sich um das Inventar der Dinge handelt, die sich im Keller eines anatomischen Instituts befinden.» (Eco 2009:116)

Hinzu kommt, dass praktische Listen jederzeit erweitert oder überarbeitet werden können: In dem Moment, wo eine Liste erstellt wird, ist sie zwar endlich, prinzipiell aber unendlich. Die Frage, weshalb man praktische Listen erstelle, liegt Eco (2009: 117) zufolge auf der Hand. Betrachtet man jedoch die kleine Aufzählung praktischer Listen, wird deutlich, dass Listen mit sehr unterschiedlichen Funktionen einhergehen können.

Von praktischen Listen zu unterscheiden sind Eco (2009) zufolge poetische Listen: Letztere werden in Texten mit poetischem Charakter verwendet, weil es anders nicht gelinge, etwas so zu beschreiben, «dass es unsere Fähigkeit zum Überblick und zur Benennung nicht übersteigt». Als Beispiel nennt Eco Homer, der die Grösse des griechischen Heeres in 350 Versen mittels verschiedener Aufzählungen beschreibt, oder – etwas zeitgenössischer – Patrick Süskind, der den unvorstellbaren Gestank in Städten des 18. Jh. mit einer poetischen Aufzählung verdeutlicht, in der das Verb «stinken» im zweiten Absatz der Geschichte 17 Mal verwendet wird.

Listen im Schreibunterricht

Aus einer schreibdidaktischen Perspektive weisen sowohl praktische als auch poetische Listen ein grosses und vielleicht auch oft unterschätztes Potenzial auf:

a) Kreative Listen als Schreibimpulse: Während poetische Listen bei Eco ein sprachliches Mittel in narrativen Texten sind, können sie im Sinne kreativer Listen auch als Schreibimpulse genutzt werden. Zu denken ist an kreative Zusammenstellungen, die zum Schreiben herausfordern: 10 Gründe, den Sport X zu lieben; 10 Dinge, auf die man keinesfalls verzichten könnte und weshalb das so ist; 10 Lieblingsbeschäftigungen; 10 Bücher, die man kein zweites Mal lesen möchte; 10 Filme, die jeder und jede gesehen haben sollte … Listen dieser Art werden didaktisch gerne genutzt, um Schreibrituale – in Form von Schreibjournalen – zu etablieren (z.B. Fleming 2005). Darüber hinaus haben sie auch Eingang in kreative Schreibspiele gefunden, bspw. in Form eines ABC-Briefes u.Ä. (Anger-Schmidt/Habinger 2006).

b) Praktische Listen als Planungshilfe: Soll ein komplexerer Text verfasst werden – sei es eine Abenteuergeschichte, eine Spielanleitung, ein Erlebnisbericht, ein Entschuldigungsbrief oder ein informierender Text bspw. über die Herstellung von Mumien –, ist die Erstellung einer praktischen Liste in Form von Planungsnotizen für SchreibnovizInnen unumgänglich. Planen SchreibnoivizInnen nicht, dann schreiben sie drauflos und rufen dabei wenn möglich schnell verfügbares Wissen ab. Sollen jedoch gute Texte entstehen, die inhaltlich auch etwas mehr zu bieten haben, stellen Planungsnotizen eine wichtige Hilfe dar.

Während Cluster, aber auch Mindmaps oft eher assoziativ zur Ideenfindung eingesetzt werden, können Planungsnotizen im Sinne von praktischen Listen Kohärenz herstellen, wenn die Ideen thematisch generiert bzw. zusammengestellt und dann auch passend zur Gesamtidee und zur Textsorte geordnet werden.
Poetische Listen als sprachliches Mittel zur Beschreibung von Orten, Geschehnissen, Stimmungen u.a. sind schreibdidaktisch gesehen erst noch zu entdecken. Ein Umsetzungsbeispiel findet sich für die Sekundarstufe I in der QUIMS-Musteraufgabe «Dichten, was das Zeug hält»: Ausgehend vom Gedicht «Urlaubsfahrt» von Hans Adolf Halbey wählen die SchülerInnen ein Thema und beschreiben dazu Situationen oder Stimmungen.

Planungsnotizen als praktische Listen, die über freies Assoziieren hinausgehen, sind in verschiedenen QUIMS-Musteraufgaben bspw. zu erzählenden oder anleitenden Texten umgesetzt, und zwar ab Klasse 1.
Alle QUIMS-Musteraufgaben sind über folgende Website verfügbar: https://wiki.edu-ict.zh.ch/quims/fokusa/mua


Liste eines 10-jährigen Schülers: Der Titel verweist auf das Kriterium der Zusammenstellung und stiftet damit Kohärenz.

 

Die Liste der möglichen Listen

  • Liste der Zutaten für mein Lieblingsmenü
  • Liste der Dinge, auf die ich stolz bin
  • Liste der Glücksmomente
  • Liste der Komplimente, die ich bekommen möchte
  • Liste meiner gesammelten Dinge
  • Liste der Sehenswürdig- keiten in unserem Dorf, unserer Stadt
  • Liste der Städte, die ich besuchen möchte
  • Liste der technischen Geräte in unserem Haushalt
  • Liste der traurigsten Lieder
  • Liste gegen die Sonntags- langeweile
  • Liste meiner Filmhelden und -innen
  • Liste meiner Lieblings-Hits
  • Liste vom schlechten Benehmen

(aus: Die Sprachstarken Bd. 9, S. 77)

 

Literatur
Anger-Schmidt, Gerda und Habinger, Renate (2006): Muss man Miezen siezen? St. Pölten: Residenz Verlag.
Cohen, Dale J.; White, Sheida und Cohen, Steffaney B. (2011): A Time Use Diary Study of Adult Everyday Writing Behavior. In: Written Communication 28/1 (Januar). S. 3–33.
Eco, Umberto (2009): Die unendliche Liste. München: Carl Hanser.
Fleming, Gerald (2005): Rain, steam, and speed : building fluency in adolescent writers. San Francisco CA: Jossey-Bass.
Haarmann, Harald (1991): Universalgeschichte der Schrift. Frankfurt a.M./New York: Campus.

Erstlesen in der Fachzeitschrift für Kindergarten und Unterstufe

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