Der Lese- und Literaturunterricht auf der Sek1 in der Sicht der Lehrpersonen und der Schülerinnen und Schüler

Einblicke in die binationale Studie TAMoLi – eine Kooperation der Pädagogischen Hochschule FHNW und der Universitäten Potsdam und Hildesheim (2016 – 2019, SNF und proNiedersachsen) – mit Ergebnissen zum Schweizer Teil.

von Andrea Bertschi-Kaufmann

«Literatur ist der wichtigste Weg, die Welt zu verstehen.» – Dem Satz der amerikanischen Schriftstellerin und Philosophin Susan Sontag stimmen wohl all jene zu, die auf je ihre Weise zur Literatur bereits gefunden haben. Von der Schule wird erwartet, dass sie den Zugang zur Literatur erst einmal öffnet. Zuständig für diese zentrale Bildungsaufgabe ist der Lese- und Literaturunterricht. Seitdem aber PISA und andere Leistungsstudien auf die zum Teil schwachen Lesefähigkeiten von Jugendlichen hingewiesen hatten, richtete sich die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Forschung verstärkt auf die Förderung der allgemeinen Lesekompetenz und des Leseverstehens. Mittlerweile wird kritisch diskutiert, ob mit diesem Akzent wiederum die Beschäftigung mit Literatur im Unterricht zurückgedrängt wird.

Die Studie TAMoLi – Texte, Aktivitäten und Motivation im Literaturunterricht auf der Sekundarstufe I hat den Lese- und Literatur- unterricht von insgesamt 126 Schulklassen der Klassenstufen 8 und 9 in der deutschsprachigen Schweiz und in Deutschland in den Blick genommen. Hierzu wurden in allen Schultypen quantitative Befragungsdaten von 58 Lehrpersonen aus der Schweiz und 58 Lehrpersonen aus Deutschland (Niedersachsen) sowie deren insgesamt 2173 Schülerinnen und Schülern erhoben. Zusätzlich wurden über fünf Monate hinweg alle im Deutschunterricht vorkommenden Texte und Medien dokumentiert. Anschliessend wurden zur qualitativen Vertiefung 21 Schulklassen der Gesamtstichprobe videographisch begleitet und interviewt. In der Datenauswertung interessiert die Wahrnehmung des Literaturunterrichts aus Sicht der Lehrpersonen und aus Sicht der Jugendlichen.

Bisher wichtige quantitative Ergebnisse zeigen für die deutschsprachige Schweiz (64 Schulklassen; 58 Lehrpersonen; 1055 Schülerinnen und Schüler):

(a) Die Lehrpersonen aller Schultypen stufen Lesen und Umgang mit Literatur zusammen mit Schreiben, Texte verfassen als wichtigste Bereiche ihres Deutschunterrichts ein. Deutlich wird damit eine Akzentuierung der Schriftlichkeit im Deutschunterricht.

(b) Die Orientierung der Lehrpersonen an den Schwerpunkten Leseverstehen und Literarische Bildung fällt in den drei Schultypen unterschiedlich aus (s. Abb.). Im progymnasialen Schultyp A dominiert eine Gleichgewichtung beider Schwerpunkte (17 Klassen, 65 %). Im erweiterten Schultyp B fokussiert ein Gros der Lehrpersonen den Schwerpunkt Leseverstehen (12 Kl., 52 %); mit hohem Anteil kommt aber auch die Gleichgewichtung von Literatur und Leseverstehen vor (10 Kl., 44 %). Im allgemeinen Schultyp C dominiert die Orientierung am Schwerpunkt Leseverstehen (12 Klassen, 80 %). Dass das Leseverstehen als alleiniger oder kombinierter Fokus in der Sekundarstufe I stark verankert ist, lässt sich als Antwort auf die PISA-Diskussionen deuten und entspricht zugleich den im Lehrplan 21 enthaltenen Kompetenzzielen zum Verstehen von Sachtexten sowie von literarischen Texten.

(c) Unter den Zielen, die Lehrpersonen im Umgang mit Literatur verfolgen, sind in allen Schultypen solche dominant, die sich unter den Stichworten «Persönlichkeitsbildung» und «soziale Bildung durch ethisch-soziale Themen» zusammenfassen lassen. Das Lernen über sich und das Lernen über andere im Umgang mit Literatur haben die Lehrpersonen auf der Sekundarstufe I also vor allem im Sinn. Niedriger gewichtet werden Zielsetzungen, welche die Auseinandersetzung mit Sprachästhetik oder mit literaturgeschichtlichem Wissen (Epochen, Autoren, Werke) betreffen.

(d) Hinsichtlich der im Unterricht vorkommenden Texte zeigt sich ein höherer Anteil literarischer Texte (72 %, insb. Kurzgeschichten, Romane) gegenüber Sach- und Informationstexten mit einem Anteil von 21 %. Hier liegt die Schlussfolgerung nahe, dass v. a. auch literarische Texte zum Aufbau des Lese- verstehens eingesetzt werden. Die Befürchtung, dass die bildungspolitische Akzentuierung der Lesekompetenz die schulische Beschäftigung mit literarischen Texten zurück- dränge, trifft zumindest für die Textauswahl also nicht zu.

(e) Ein Grossteil der befragten Lehrpersonen gibt an, sich beim Auswählen von Texten an den Interessen von Schülerinnen und Schülern zu orientieren. Die beobachtete Textauswahl greift denn auch Themen auf, für die Lehrpersonen ein Leseinteresse bei ihren Klassen vermuten: Probleme von Jugendlichen sowie gesellschaftskritisch-politische Fragen sind die am häufigsten vertretenen Lektürethemen im Unterricht. Zu den faktischen Freizeitleseinteressen von Schülerinnen und Schülern, die v. a. auf Science Fiction, Abenteuer, Krimis und Comics gerichtet sind, passt die lehrerseitige Lektüreauswahl aber nur bedingt. Die Brücke vom schulischen zum freizeitlichen Lesen, welche im Zeichen der Leseförderung oft eingefordert wird, ist in unseren Daten kaum sichtbar. Allerdings differenzieren die Schülerinnen und Schüler in ihren Leseinteressensangaben erkennbar zwischen den Kontexten Freizeit und Schule. Private Lektüren werden nicht unbedingt auch fürs schulische Lesen bevorzugt, und umgekehrt. Das Profil an Themen, die die Jugendlichen für die Schule präferieren, zeigt denn auch eine deutlichere Nähe zum Auswahlprofil der Lehrpersonen. Diese Ergebnisse verweisen zunächst einmal auf eine – relative – Akzeptanz des in der Schule Gelesenen und weiter auch darauf, dass bestimmte Genres (zum Beispiel Liebesgeschichten und Abenteuerromane) lieber in der intimen, freizeitlichen Umgebung gelesen werden. Andere Genres hingegen – insbesondere solche mit Potenzial zu An- schlussdiskussionen(z. B. gesellschaftskriti- sche Texte) – werden von den Jugendlichen lieber in der Schule gelesen.

Literatur
Bertschi-Kaufmann, Andrea/Pieper, Irene/ Siebenhüner, Steffen/Kernen, Nora/Böhme, Katrin/Fässler, Dominik (2018): Literarische Bildung in der aktuellen Praxis des Lese- und Literaturunterrichts auf der Sekundarstufe I. In: Scherf, Daniel/Bertschi-Kaufmann, Andrea (Hg.): Ästhetische Rezeptionsprozesse aus didaktischer Perspektive. Weinheim: Beltz Juventa. S. 132–148.
Böhme, Katrin/Bertschi-Kaufmann, Andrea/ Pieper, Irene/Fässler, Dominik/Depner, Simone/Kernen, Nora/Siebenhüner, Steffen (2018): Leseverstehen und literarische Bildung – Welche Schwerpunkte setzen Lehrpersonen in ihrem Deutschunterricht und welche Texte wählen sie aus? Erste Befunde der TAMoLi-Studie. In: Leseforum 3/2018.
Witte, T., & Sâmihaian, F. (2013). Is Europe open to a student-oriented framework for literature? A comparative analysis of the formal literature curriculum in six European countries. L1-Educational Studies in Language and Literature, (13), 1–22.

Weitere Informatinen zu TAMoLi und den Ergebnissen: www.literaturunterricht.ch.

Beitrag aus dem Rundschreiben Zentrum Lesen, Ausgabe 34/2019.

QUIMS-Fachbroschüre «Beurteilen und Fördern mit Fokus auf Sprache»

link to article

Tagung «Unterricht konkret» 2019 – Präsentationen & Impressionen

link to article
Zurück zur Übersicht